Deutsche Jugendmeisterschaften
Berlin, 20.07.2008 (nürn) Lisa Hofmann vom TSV Bad Kissingen sorgte bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Berlin für einen Paukenschlag und stürmte über 400-Meter-Hürden der weiblichen Jugend B zu Gold. Teamgefährtin Anna-Lena Schaub holte mit der A-Jugend-Staffel der Startgemeinschaft Franken Silber über 4 x 100 Meter.
Fabienne Röschel eine weitere Bad Kissinger Starterin, die sich für die 400-Meter-Hürden der Jugend B qualifizierte, hatte Pech und wurde disqualifiziert. David Illig (FSV Hohenroth), der vierte Starter aus der Region verkaufte sich über 400 Meter der Jugend B prächtig, scheiterte aber am Endlauf.
Das Berliner Olympiastadion war dreitägiger Schauplatz der Deutschen Jugendmeisterschaften. Der Tatsache, dass im kommenden Jahr dort die Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Aktiven stattfinden werden, verdanken die Jugendlichen es, dass sie ein wohl einmaliges Event erleben durften. Denn die Organisatoren betrachteten diese Meisterschaften als Generalprobe für das herausragende Sportereignis im kommenden Jahr in Deutschland.
Mit unzähligen Fernsehkameras vor Ort probten auch die Medien den „Ernstfall“ und so mancher Teilnehmer hatte vor dem Start plötzlich ganz andere Probleme, als sich auf den Wettkampf zu konzentrieren. „Wie soll man in die Kamera schauen, wenn diese bei der Startaufstellung nur einen Meter vor einem postiert ist und man weiß, dass in diesem Moment alle Leute im Stadion nur mein Gesicht auf den riesigen Anzeigewänden des Olympiastadions sehen werden“, waren die Gedanken. Da galt es schon im Vorfeld sich wohl überlegte Strategien zurecht zu schneidern.
Für Fabienne Röschel und Lisa Hofmann war es schon einmal ein riesiger Vorteil, dass sie den Vierten von insgesamt fünf Vorläufen über 400-Meter Hürden gemeinsam bestreiten durften und die Erwärmung, und den langen Weg vom Aufwärmplatz durch die Katakomben des Stadions, zum sogenannten Callroom nicht alleine gehen mussten. Da störte es Fabienne Röschel auch ganz und gar nicht, dass sie auf Bahn acht ganz außen antreten musste. Lisa Hofmann ging auf Bahn drei gleich nach dem Start ganz konzentriert zur Sache und überlief die 10 Hürden bis zum Ziel mit bestechender Sicherheit. In 61,03 Sekunden blieb sie gleich im Vorlauf rund eine Sekunde unter ihrer bisherigen Bestzeit, war damit knapp die Vorlaufschnellste und verbuchte nebenbei auch gleich eine neue Deutsche Jahresbestzeit.
Auch Fabienne Röschel verkaufte sich bestens und lief als Vierte dieses Laufes durchs Ziel. Mit ihrer Zeit von etwas über 65 Sekunden, die noch bei der ersten Einblendung des Zieleinlaufes zu lesen war, blieb auch sie deutlich unter ihrer bisherigen Bestzeit und hätte die erhoffte D-Kadernorm für den Bayerischen Landeskader unterboten. Aber kurz danach leuchteten auf der Anzeigentafel hinter ihrem Namen nur noch die Buchstaben „DSQ“ und die bedeuten unweigerlich Disqualifikation. Die Gymnasiastin hatte auf der Zielgeraden aufgrund der Erschöpfung wohl ihr Nachziehbein leicht an der Hürde vorbeigezogen, was den zahlreichen Augen der vielen Kampfrichter bei der „WM-Generalprobe“ natürlich nicht entging.
Nach ein paar verständlichen Tränen der Endtäuschung, schaute die 16-Jährige schon bald wieder nach vorne und will die Norm nun eben im August bei den Süddeutschen Meisterschaften laufen.
Lisa Hofmann war beim Blick in die Ergebnislisten der Vorläufe schnell klar, dass der Deutsche Titel nur zwischen ihr und Astrid Beerlage vergeben wird. Dass bei der Kissingerin, die erst vor kurzen einen guten Realschulabschluss hinlegte und im kommenden Jahr die Fachoberschule besuchen wird, bis zum Finaltag dennoch kaum Nervosität aufkam, dafür sorgte maßgeblich ihr mitgereister Freund Florian Erhard aus Rannungen. Der Jugendtorhüter des 1. FC Schweinfurt, der zu den besten seiner Zunft in Unterfranken zählt, übertrug seine Ruhe und Gelassenheit auf seine Freundin.
Die stand dann im Finale auf Bahn vier der blauen Bahn des Olympiastadions und verbreitete, bei bisher vor wichtigen Wettkämpfen, nie gekanntes Selbstbewusstsein. Reckte lächelnd für alle an den Bildschirmen sichtbar beide Daumen in Höhe und wollte sicherlich mehr als den angestrebten zweiten Rang, der ihr schon für einem Einsatz beim Länderkampf gegen Polen gereicht hätte. Ungemein schnell und im sichern Rhythmus von 16 Schritten nahm sie die ersten Hürden, die im Abstand von 35 Meter auseinander stehen. Schon an der vierten Hürde hatte sie der auf Bahn fünf unmittelbar vor ihr laufenden Astrid Beerlage die Kurvenvorgabe abgenommen. Bestens funktionierte die geplante Schrittumstellung nach der sechsten Hürde und so kam sie mit einem riesigen Vorsprung auf die Zielgerade. „An dieser Stelle freute ich mich schon riesig, ich wechselte noch einmal auf kleinere Schritte, nahm mir vor, die letzten Hürden hoch und damit sicher zu nehmen und wusste, es kann nichts mehr anbrennen.“ so die überglückliche 16-Jährige. Ganz andere Anspannung herrschte zu diesem Zeitpunkt auf der Tribüne bei Vater Reinhold, der mit der Cross-Schülermannschaft des TSV Bad Kissingen vor vielen Jahren selbst schon Deutsche Vizemeister wurde. Auch Florian Erhard hörte gegen Ende des Rennens erstmals in seinem Leben „sein Herz laut pochen“. Kein Wunder; auf den Einlaufplatz blieb seine Freundin an einer Hürde hängen und wäre fasst zum Sturz gekommen. Aber Lisa Hofmann nahm die letzten Hindernisse auf dem Weg zu Gold ganz sicher, riss schon ein paar Meter vor dem Ziel freudestrahlend die Arme in die Höhe und steigerte ihren Hausrekord trotz des „Sicherheitslaufes“ auf glänzende 60,70 Sekunden. Damit unterbot sie die U-20 C-Kadernorm des Deutschen Leichtathletikverbandes und wird auch in Kürze erstmals das Nationaltrikot tragen.
Ihr Debüt im Nationaltrikot gab Teamkollegein Anna-Lena-Schaub bereits bei einem Hallenländerkampf im Winter. Seitdem ist bei der 18-Jährigen Sprinterin und Dritten der letztjährigen Deutschen Meisterschaften über 200 Meter jedoch nichts mehr wie vorher. Nach einer langwierigen Fußballenendzündung, die sie sich beim Ostertrainingslager eingefangen hatte, kommt sie nur ganz langsam wieder in Fahrt. Im Vorlauf über 200 Meter der weiblichen Jugend A machte sie zumindest einen Anfang und lief als Fünfte in 25,50 Sekunden erstmals nach langer Zeit wieder eine recht akzeptable Zeit, die ihr allerdings für die Finalteilnahme noch nicht reichen sollte.
Selbst ihren sonst so sichern Staffelplatz in der Startgemeinschaft Franken musste sie sich in diesem Jahr hart erkämpfen. Die sonst sicher gesetzte Schlussläuferin des „Frankenexpress“ wechselte in Berlin aufgrund des noch fehlenden Stehvermögens auf die Startposition. Hinter den favorisierten Quartet des TV Wattenscheit liefen die Franken in den sechs Vorläufen die zweitschnellste Zeit. Im Finale lief Anna-Lena Schaub flott an und übergab an Lisa Schollbach, die in Führung liegend den Stab an Susi Zimanyi weiterreichte. Die WM-Teilnehmerin baute die Führung in der Kurve sichtbar aus und wechselte sicher auf Schlussläuferin Mona Schilhanneck. Das es trotz rund fünf Meter Vorsprung nichts mit dem Titel für die SG Franken wurde lag einzig an Wattenscheids starken Schlussläuferin Yasmin Kwadwo. Die mit Abstand stärkste Deutsche Nachwuchssprinterin ging auf den letzten Metern noch an Mona Schilhanneck vorbei und holte sich mit wenigen Zentimetern Vorsprung Silber. Aber die verantwortlichen Trainer der SG Franken, an der Spitze Bayern-Kadertrainer Heinz Löser, waren mit Silber in 46,20 Sekunden mehr als zufrieden, auch wenn der angestrebte Bayerischer Rekord um 11 Hundertstel Sekunden knapp verfehlt wurde. Da im kommenden Jahr mehrere Sprinterinnen aus der Jugendklasse ausscheiden, dürfte mit diesem Rennen auch die zweijährige Ehe des TSV Bad Kissingen mit dem Team Oberfranken und dem ESV Nürnberg beendet sein. Die Erfolge in dieser Zeit können sich jedoch mehr als sehen lassen. Bei vier Deutschen Meisterschaften holten die A-Jugendlichen, die sich von den Kaderlehrgängen in Oberhaching bestens kennen, insgesamt drei Medaillen und krönten ihre Zusammenarbeit im Winter mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft über 4 x 200 Meter.
Für David Illig vom FSV Hohenroth war die Teilnahme in Berlin die Krönung einer nie erwarteten Leistungssteigerung schon im Vorfeld der Deutschen Meisterschaft. In 51,24 Sekunden über 400 Meter, gelaufen bei den Bayerischen Meisterschaften, hatte er sich in seinem ersten Jahr der B-Jugend schon die Bayern-Kaderzugehörigkeit gesichert. Auch für den Gymnasiasten war es ungewohnt, dass die Erwärmung schon 45 Minuten vor dem Wettkampf abgeschlossen sein musste und ab dann alles so lief wie bei der WM geplant. Im fünften Vorlauf kam David Illig in 51,86 Sekunden nicht mehr an seine starke Vorleistung heran und verpasste damit das Finale. Aber der Hohenrother wird dieses einmalige Erlebnis im Berliner Olympiastadion genauso wenig vergessen wie die drei jungen Damen des TSV Bad Kissingen. Sie alle sind schon jetzt den langen Weg vom Aufwärmplatz zum ersten Stellplatz, durch das Tunnelsystem im Olympiastadion, zum Callroom und dann hinaus zur Arena gegangen, den die Stars der Szene im kommenden Jahr bei der Leichtathletik-WM erst noch beschreiten müssen.